Option für die Armen wird zur Bekenntnisfrage
- 5. Apr.
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Aktualisiert: 6. Apr.

Papst Leo XIV. knüpft mit Dilexi te. Über die Liebe zu den Armen an die Sozialverkündigung seines Vorgängers, Papst Franziskus, an
Am 4. Oktober 2025, dem Gedenktag des Heiligen Franziskus, hat Papst Leo XIV. sein erstes Lehrschreiben, Dilexi te, in Form einer Apostolischen Exhortation veröffentlicht. Bei einer «Apostolischen Exhortation» handelt es sich um ein lehrmäßiges päpstliches Dokument, ein sogenanntes „Mahnschreiben“ mit einer grundsätzlichen Positionsbestimmung eines Papstes.
Das Dokument wurde in Teilen bereits von seinem Vorgänger Papst Franziskus vorbereitet, der ausgehend von der Herz-Jesu-Frömmigkeit in seiner Enzyklika Dilexit nos - Er hat uns geliebt, die Liebe Jesu in der Kirchengeschichte und in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung heute bedacht hat. Papst Leo XIV. hat es als Auftrag angesehen, dieses Dokument zu übernehmen und mit eigenen Gedanken fortzuschreiben.
Dilexi te soll die Sorge der Kirche für die Armen erläutern. Der Papst greift dabei auf wichtige biblische Texte zurück, erinnert an wichtige Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, u.a. Chrysostomos und Augustinus, aber auch Franziskus und Klara von Assisi und im 20. Jahrhundert den ermordeten Bischof Oscar Romero in El Salvador. Und auch die Soziallehre der Kirche seit Papst Leo XIII. (Ende 19. Jh.) spielt in dem Dokument eine Rolle. Wichtige Erkenntnisse der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, wie die «vorrangige Option für die Armen» prägen die Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen wie Verarmung, Migration, Ausbeutung in den armen und abhängig gehaltenen Ländern. Die Deutung der herrschenden Weltwirtschaft im Horizont von «Strukturen der Sünde» (Papst Franziskus: «Diese Wirtschaft tötet») begründet die päpstliche Kritik an den aktuellen Weltproblemen in dem neuen Lehrschreiben. Papst Leo XIV. stellt sich damit hinter die Kapitalismuskritik seines Vorgängers.
Die Stärke dieser Exhortation ist vielleicht auch ihre Schwäche. Sie fasst den Stand der kirchlichen Sozialverkündigung auf der Höhe der Zeit und im Geiste Papst Franziskus’ zusammen. Papst Leo XIV. lässt einerseits erkennen, dass er die Sozialverkündigung im Sinne seines Vorgängers fortsetzen will. Allerdings liefert sein Schreiben andererseits keine weiterreichenden Erkenntnisse. Seine Rekonstruktion der Kirchengeschichte im Blick auf den Einsatz vieler Heiliger für das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und da stimme ich dem kritischen Beitrag von P. Martin Werlen zu, liefert eine übertrieben euphemische Sicht der verschiedenen kirchlichen Aktivitäten im Laufe der Jahrhunderte bis in unsere Zeit. Menschen wie der heilige Franziskus vor 500 Jahren etwa oder auch Bischof Romero in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden lange Zeit von der herrschenden Kirche ausgegrenzt oder nicht wahrgenommen. Und auch die langjährige weitgehend unsachliche Verurteilung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie durch das römische Lehramt unter Papst Johannes Paul II. und dem damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Josef Ratzinger, haben den gesellschaftspolitischen Einsatz der Kirche für die Armen nicht gefördert, sondern offen diskreditiert. Hier wäre eine differenziertere und kritischere Sicht der Kirchengeschichte im Rahmen von Dilexi te» glaubwürdiger und hilfreicher gewesen. Es ist ja schliesslich nicht, so, dass es eine Kirche, die es lieber mit den Herrschenden und zu Lasten der Armen hält, heute nicht mehr gäbe.
Gleichwohl, ermutigend ist, dass der neue Papst, Leo XIV., die Liebe zu den Armen zum Ausgangspunkt seiner Lehrverkündigung gewählt hat und an die befreienden biblischen Traditionen, die die Armen in den Mittelpunkt stellen, und an Jesu Reich Gottes Botschaft anknüpft. Sie wurden im Laufe der Geschichte der Christinnen und Christen von zahlreichen bekannten und unbekannten Heiligen aufgegriffen und im Horizont ihrer Zeit aktualisiert bis heute.
Bernd Ruhe, 27.3.2026
Quellen und Lesehinweise:- Papst Leo XIV., Ich habe dich geliebt. Dilexi te-Über die Liebe zu den Armen, Freiburg i. Br. 2025- Die Armut des Reichtums. Ein persönlicher Blick von P. Martin Werlen OSB auf «Dilexi te»
